Aufstieg und Niedergang der deutschen Geigenbauindustrie

Bereits im späten 17. Jh. sahen sich böhmische Instrumentenbauer in den Städtchen Schönbach und Graslitz gezwungen im Zuge der Gegenreformation ins benachbarte sächsische Klingenthal und nach Markneukirchen umzusiedeln. Die wechselvolle Geschichte dieser beiden, als «Musikwinkel» bekannten Gegenden sollte über mehrere Jahrhunderte den mitteleuropäischen Geigenbau prägen.
Eng verflochten ist die Geschichte des sächsischen und des westböhmischen Geigenbaus. In dessen Zentrum stehen die Ortschaften Markneukirchen (D), Klingenthal (D), Schönbach (heute Luby CZE ) und Graslitz (heute Kraslice CZE).
Bereits 1677 begründen Exilanten aus den böhmischen Orten Schönbach und Graslitz im sächsischen Markneukirchen die erste Geigenbauer-Innung. Sie legen damit den Grundstein für den sogenannten «Musikwinkel». Bereits im 18. Jh. entwickeln sich dort vorindustrielle Handelsformen. Arbeitsteilige Produktion und die Trennung von Herstellung und Vertrieb sind bereits verbreitet.

Wirbeldrechsler, Halsschnitzer und «Schachtelmacher» leisten in den unzähligen Betrieben der umliegenden Dörfer die Vorarbeiten für die Zusammensetzung der Instrumente in den Meisterbetrieben. Um 1800 werden in Markneukirchen in etwa 80 Betrieben pro Jahr rund 18’000 Geigen hergestellt.
Auf dem Höhepunkt der Musikinstrumentenindustrialisierung Anfang des 20. Jh. zählt man etwa 20’000 Beschäftigte in etwa 100 Dörfern. Etwa Zwei Fünftel des Welthandelsvolumen von Streich und Zupfinstrumenten dieser Zeit entfallen auf die vogtländisch-böhmische Produktion.
Einzelne Meisterbetriebe setzen sich mit exzellenten Qualitätsstandards im sogenannten «Kunstgeigenbau» von den Massen ab.
Die Folgen des zweiten Weltkrieges verändern den «Musikwinkel» nachhaltig. Während ab 1945 in den böhmischen Ortschaften die sudetendeutsche Bevölkerung vertrieben wird, haben die Betriebe im Vogtland mit Zwangskollektivierungen in der entstehenden DDR zu kämpfen. Handelsbeziehungen werden zerschlagen. Trotz eines Exodus der Instrumentenbauer nach Westdeutschland gelingt es, die Tradition des Geigenbaus in Markneukirchen und Luby weiterzuführen. Beide Orte gelten bis 1989 als wichtige Zentren des osteuropäischen Geigenbaus.
Seit der Wende haben sich, auch durch die Gründung der Fachhochschule für Geigenbau, wieder Betriebe etablieren können.
